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Traumdeutung
Funktionen des Traumschlafs
Der
REM-Schlaf ist für die Erholung und Stabilisierung vor allem des
Seelenlebens unentbehrlich, daran besteht heute kein begründeter
Zweifel mehr. Welche Funktionen er dabei erfüllt, steht aber noch
nicht genau fest.
Man nimmt an, dass der Abbau psychischer Spannungen mit Verarbeitung
von Konflikten und Problemen dabei besonders wichtig ist, und dazu erst
den ungestörten Schlaf ermöglicht.
Außerdem kann die scheinbare Befriedigung von Wünschen und
das Ausleben von Möglichkeiten, die im täglichen Leben zu
kurz kommen, nicht erkannt werden oder nicht erlaubt sind, zu den
Hauptfunktionen des Traumschlafs gehören.
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Bindung psychischer Spannungen
Ähnlich wie die Skelettmuskulatur des Körpers steht auch das
Seelenleben ständig unter einer gewissen Spannung. Sie ist unter
anderem für unsere Antriebskräfte, Gefühle und das
Temperament mit verantwortlich.
Diese psychische Spannung wird von verschiedenen Einflüssen
bestimmt. Stress von außen spielt dabei ebenso eine Rolle wie
innere Bedürfnisse, Emotionen, ungelöste Konflikte und viele
andere Inhalte der Psyche. Der gute, ungestörte Schlaf setzt
voraus, dass Körper und Seelenleben genügend Spannung
abbauen. Andernfalls kann man nicht einschlafen, wacht nachts wieder
auf -wenn die Spannungen sich wieder verstärken, oder schläft
zwar durch, aber unruhig und wenig erholsam.
Aus der Beobachtung, dass die Skelettmuskulatur sich im Traum noch
stärker als im Tiefschlaf entspannt, und aus einigen anderen
Merkmalen des REM-Schlafs leiten einige Traumforscher die Theorie ab,
dass im Traum psychische Spannungen gebunden werden, was über das
vegetative Nervensystem auch zur vertieften körperlichen
Entspannung führt.
Endgültig bewiesen ist diese Vorstellung zwar noch nicht, aber sie
leuchtet ein. Das Traumgeschehen könnte einmal Energie binden, die
außerhalb der Träume die psychische Spannung bewirkt.
Außerdem vielleicht von den Ursachen der Spannungen ablenken, so
dass sie vorübergehend gelöst werden können. Aus dieser
Sichtweise wird der Traum also zum „Hüter“ des
Schlafs, der das Spannungsniveau absenkt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang noch eine ähnliche Theorie,
nach der die Träume vor allem eine Art
„Sicherheitsventil“ für Gefühle und damit
verbundene Spannungen darstellen.
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Die Träume erlauben uns danach, Nacht für Nacht mehrmals das
„Chaos der Gefühle“, die wir im Wachzustand mehr oder
minder stark kontrollieren, ohne Angst zuzulassen und abzureagieren, so
dass Spannung abgebaut wird. Das steht im Einklang mit der Tatsache,
dass die Träume oft gefühlsbetont und chaotisch ablaufen.
Manche Vertreter der zweiten Theorie meinen sogar, dass wir in den
Träumen vorübergehend auf harmlose Weise
„geisteskrank“ werden, um Emotionen und Spannungen
abzureagieren. Dann könnte man die Psychosen auch als eine Form
des Träumens zur falschen Zeit verstehen.
Dafür sprechen manche Fakten, zum Beispiel die
Verwirrtheitszustände, die bei Traumschlafentzug auftreten, und
die Tatsache, dass zum Beispiel schizophrene Menschen weniger als
Gesunde träumen und die versäumten Träume offenbar nicht
nachholen.
Außerdem spielen Neurotransmitter wie Serotonin, das für den
Schlaf wichtig ist, und Noradrenalin, das sich vermehrt im
Locuscaeruleus ansammelt, wenn vom Tiefschlaf auf REM-Schlaf
umgeschaltet wurde, auch eine wichtige Rolle für das psychische
Gleichgewicht, die Stimmungen, Antriebe und andere seelische
Funktionen. Bei Psychosen stellt man oft fest, dass diese Botenstoffe
entweder im Übermaß oder zu gering vorhanden sind.
Die Erkenntnisse und Theorien der modernen Traumforschung werfen mehr
neue Fragen auf, als sie beantworten. Vielleicht wird sie aber einmal
dazu beitragen, neue Therapien durch Neurotransmitter bei Psychosen zu
entwickeln, die heute erst unzulänglich behandelt werden
können.
Verarbeitung von Konflikten und Problemen
Die Konflikte, Probleme und Sorgen des täglichen Lebens, denen wir
alle mehr oder minder stark ausgesetzt sind, behindern heute bei vielen
Menschen den Schlaf. Man kann davon nicht einfach abschalten und
entspannt in den Schlaf hinübergleiten. Nach dem Zubettgehen
grübelt man noch lange über Probleme und Sorgen nach, oder
man schreckt mitten in der Nacht deswegen wieder aus dem Schlaf auf.
Eine der Funktionen des Traumschlafs besteht wahrscheinlich darin, alle
diese störenden Einflüsse zu verarbeiten. Das kann zur
negativen Traumunruhe führen, die den Schlaf erheblich
behindert. Häufiger bewirkt die Einbeziehung der Konflikte,
Probleme und Sorgen in das Traumgeschehen aber wohl eine Entlastung des
Seelenlebens und sichert den Schlaf.
Die psychischen Spannungen werden in den Träumen gebunden und
dadurch zumindest teilweise entschärft. Außerdem kann der
Traum solche Belastungen so gut verarbeiten, dass sie am nächsten
Morgen viel an Bedeutung verloren haben. Nachdem man sich im Traum mit
ihnen auseinander gesetzt hat, fällt einem vielleicht auf, dass
sie überhaupt nicht so schwerwiegend und unlösbar sind, wie
man zunächst im Wachzustand annahm.
Das Unbewusste kann offensichtlich mit seiner angesammelten Erfahrung
und Weisheit durchaus realistisch prüfen, welche Bedeutung den
Konflikten, Problemen und Sorgen tatsächlich zukommt, und sie
gleichsam über Nacht vom Tisch fegen, wenn sie sich als banal
erweisen.
Im Volksmund rät man deshalb ja seit langem, bei Problemen erst
einmal “darüber zu schlafen“, weil am nächsten
Tag „alles anders aussieht“. Diese Weisheit beruht wohl auf
der unbewussten Be- und Verarbeitung von Belastungen und
Schwierigkeiten im Traum.
Nicht selten werden in den Träumen sogar Lösungen für
Konflikte, Probleme und Sorgen offenbart, auf die man in der Routine
des Alltags nie gekommen wäre. Die Erfahrung, Weisheit und
Kreativität des Unbewussten kann originelle Vorschläge
entwickeln, die durchaus realistisch sind, wenn man sie richtig
versteht und ausführt.
Ein oft zitiertes Beispiel dafür ist die Entdeckung des
Benzolrings durch den Chemiker Kekule, der entscheidenden Einfluss auf
die moderne Chemie nahm. Nachdem sich der Wissenschaftler lange Zeit
mit diesem Problem vergeblich abgemüht hatte, kam ihm die
Lösung buchstäblich in einem Traum, dessen symbolischen
Inhalt er richtig interpretierte.
Allerdings halten längst nicht alle Lösungen, die in
Träumen auftauchen, einer kritischen Realitätsprüfung
stand. Man darf sich also nicht blind auf die Träume verlassen,
sondern muss sehr genau zwischen sinnvollen und scheinbaren
Lösungen unterscheiden. Aber auch wenn sich im Wachzustand
herausstellt, dass eine „Traumlösung“ nicht
realistisch und durchführbar ist, erfüllt sie doch wenigstens
den Zweck, vorübergehend von Spannungen zu entlasten.
Durch Traumsteuerung kann man das Unbewusste übrigens gezielt
veranlassen, realistische Lösungen für Konflikte, Sorgen und
Probleme in den Träumen anzubieten.
Scheinbefriedigung von Wünschen
Es gibt wohl kaum einen Menschen, der wirklich wunschlos glücklich
ist. Unsere Wünsche und Bedürfnisse, die teilweise bewusst
werden, teils unterschwellig bestehen, übersteigen fast immer bei
weitem die Möglichkeiten, die uns zur Befriedigung offen stehen.
Die unbefriedigten Bedürfnisse und Wünsche aktivieren unsere
Antriebskräfte und Bestrebungen.
Wünsche und Bedürfnisse erzeugen psychische Spannungen, auch
wenn sie nicht bewusst sind. Gerade dann, wenn die Befriedigung versagt
bleibt oder die Wünsche und Bedürfnisse abgelehnt und
unterdrückt werden (weil sie vielleicht unmoralisch erscheinen und
Schuldgefühle wecken), treten besonders hohe Spannungen auf. Sie
können zu ernsten Störungen der psychischen Gesundheit und
über das vegetative Nervensystem zu körperlichen
Funktionsstörungen (psychosomatischen Krankheiten) führen.
Träume bieten die Möglichkeit, die mit den Wünschen und
Bedürfnissen verbundenen Spannungen abzubauen. Dadurch wird das
psychische Gleichgewicht erhalten oder wiederhergestellt.
Das Unbewusste bedient sich mehrerer Möglichkeiten:
In den Träumen kann mehr oder minder eindeutig au Wünsche und
Bedürfnisse hingewiesen werden, die erlaubt sind, im Wachzustand
aber verdrängt werden; nachdem man sie mit Hilfe der Träume
erkannt hat, kann man sie tatsächlich befriedigen.
Für einen Teil der Wünsche und Bedürfnisse bieten die
Träume Selbst eine Form der Befriedigung, indem die angestrebten
Ziele in der Traumhandlung offen oder symbolisch verwirklicht werden
- natürlich bleibt das immer eine Scheinbefriedigung, denn
im Wachzustand hat man nichts davon, aber es werden zumindest für
einige Zeit innere Spannungen abgebaut.
Schließlich können Träume, die von Wünschen und
Bedürfnissen handeln, auch offen oder verschlüsselt
aufzeigen, in welcher Weise man die Ziele in der Realität
tatsächlich verwirklichen könnte; solche Lösungen
entstehen aus dem Schatz an Wissen und Erfahrung, der im Unbewussten
schlummert. Sie sind oft originell, weil die Kreativität im Traum
ungewöhnliche, aber trotzdem realistische Wege vorschlagen kann.
Aufgrund der Bedeutung, die unerfüllte Wünsche und
Bedürfnisse für die psychische Gesundheit haben, kann man die
Traumarbeit damit nicht hoch genug einschätzen. Sie ist ein Akt
der „Psychohygiene“, die das psychische Gleichgewicht
erhält. Das bedeutet, dass die innere Harmonie, die durch
Frustrationen gefährdet wird, wieder hergestellt werden kann.
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