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Traumdeutung
Wenn Träume nicht in die Moralvorstellung passen
Die Träume können durchaus streng logisch und
vernünftig aufgebaut sein. Manchmal können sie sogar eine
Lösung für ein schwieriges Problem enthalten. Träume
genügen zum Teil auch hohen moralischen Ansprüchen.
Es trifft also keineswegs zu, dass es in jeder Traumhandlung
unvernünftig, chaotisch und unmoralisch zugeht. Aber die
Träume müssen nicht den Gesetzen von Logik und Vernunft, Zeit
und Raum, Moral und Ethik folgen.
Im Traum können sich völlig phantastische, absurde,
obszöne und kriminelle Handlungen abspielen. zu denen man im
Wachzustand niemals fähig wäre. Das ist individuell sehr
unterschiedlich und noch nicht genau erklärbar. Vom
vernünftigen und moralischen Verhalten im täglichen Leben
muss das Traumgeschehen jedenfalls nicht abhängen.
Ein nüchterner, sachlicher Mensch kann in seinen Träumen die
chaotischsten und phantastischsten Abenteuer erleben, ein friedlicher
Mensch die schwersten Gewalttaten begehen.
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Die Abweichung der Träume von den im bewussten Leben gültigen
Regeln und Normen hat ihren Ursprung hauptsächlich in der
Traumarbeit. Wenn Trauminhalte verdichtet und ihre Bedeutungen
verschoben werden, kann ein Traum oftmals nicht mehr vernünftig
und moralisch sein.
Darüber
hinaus spielen aber noch zahlreiche individuelle und soziale
Einflüsse eine Rolle, welche die Traumarbeit maßgeblich mit
beeinflussen. Deshalb träumen Kinder die noch nicht so stark wie
Erwachsene durch Erziehung und Bildung an unsere gängigen
Moralvorstellungen und Regeln der Vernunft angepasst wurden, noch
weniger verschlüsselt. Erst mit der Geschlechtsreife
(Pubertät) nimmt die Verschlüsselung der Trauminhalte
deutlich zu.
Auch sehr selbstsichere und selbstbewusste Menschen, die nicht so stark
von den gängigen Wertvorstellungen abhängig sind, zeigen
häufig weniger verschlüsselte Träume. Sie haben es
offenbar nicht nötig, ihre Eigenschaften. Wünsche,
Bedürfnisse und Erfahrungen so stark vor sich Selbst zu
verschleiern, weil sie sicher in sich selbst ruhen und ausgeglichen und
zufrieden sind.
Aber auch Träume die völlig phantastisch und chaotisch jeder
Vernunft widersprechen weisen bei genauerer Analyse immer ihre eigene
„innere Logik“ auf. Sie ergibt sich aus dem, was durch die
Traumarbeit verborgen werden soll.
Wenn zum Beispiel jemand die Einsicht in eine verdrängte
frühere Erfahrung fürchtet und deshalb im Traum nicht
zulassen kann, dann ist es durchaus logisch und vernünftig, dass
er sie durch scheinbar unlogische Traumhandlungen vor sich selbst
verbirgt. Wenn man diese „innere Logik“ eines Traums erst
einmal erkannt hat, gelingt es oft leicht, die dahinter stehenden
Verdichtungen und Verschiebungen zu analysieren und dadurch die
Traumaussagen besser zu verstehen.
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Auch unmoralisch und gewissenlos sind die Traumhandlungen
keineswegs, selbst wenn ihr Inhalt so erscheinen kann. Man muss sich
von der Vorstellung lösen, dass man an Träume die gleiche
moralische Meßlatte wie an das tatsächliche Verhalten im
Wachzustand anlegen kann.
Bei der Traumarbeit können durch Verdichtung und Verschiebung
Traumhandlungen entstehen, die allen gängigen Moralvorstellungen
widersprechen, ohne dass dahinter tatsächlich unmoralische
Absichten des Träumers stehen. Der Mord, den man im Traum begeht,
muss keinesfalls anzeigen, dass man jemanden wirklich umbringen will.
Er ist meist die Folge der Aneinanderreihung verschiedener Elemente zu
Traumhandlungen, die den wahren Trauminhalt verzerren. Deshalb besteht
auch bei solchen, scheinbar zutiefst unmoralischen, abartigen oder
obszönen Träumen kein Anlass, auf eine Deutung zu verzichten,
um sich nicht als eine Art Monster erkennen zu müssen.
Für die innere Moral der Träume sorgt das Traumgewissen, von
Sigmund Freud auch als „Traumzensur“ bezeichnet. Als
seelische Kontrollinstanz entscheidet es, in welcher Form die
Träume zugelassen werden. Wenn zum Beispiel in einem Traumelement
ein Wunsch enthalten ist, den man sich im Alltag nicht einzugestehen
wagt, weil er vielleicht unmoralisch erscheint, könnte ein Traum,
der diesen Wunsch offen zum Ausdruck bringt, zu schweren
Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und Angst vor Bestrafung
führen.
Deshalb sorgt die Traumzensur dafür, dass der
„unerlaubte“ Wunsch so bearbeitet wird, dass man ihn
schließlich in verschleierter Form doch akzeptieren kann.
Vielleicht wird im Traum das Objekt, auf den sich der Wunsch richtet,
durch ein anderes „erlaubtes“ ersetzt, vielleicht
rückt der Wunsch durch Verschiebung in den Hintergrund, wird durch
Nebensächlichkeiten überlagert, so dass man ihn bei
oberflächlicher Erinnerung überhaupt nicht wahrnimmt. Auf
diese Weise können Spannungen, die mit Wünschen verbunden
sind, vermindert werden.
Sinngemäß prüft das Traumgewissen auch alle anderen
Trauminhalte auf ihre „Zulässigkeit“, ehe sie mehr
oder minder verzerrt erlaubt werden. Die stärksten
Veränderungen der ursprünglichen Trauminhalte nimmt die
Traumzensur oft bei sexuellen Bedürfnissen vor, die auch heute in
unserer scheinbar so aufgeklärten Gesellschaft noch immer
tabuisiert werden.
Das Traumgewissen arbeitet nicht autonom, seine Kontrollfunktionen
stehen in enger Beziehung mit der Erziehung und den dabei
verinnerlichten Moral- und Wertvorstellungen der Gesellschaft sowie mit
der individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung eines Menschen.
Deshalb kann die Zensur bei einem Menschen Trauminhalte noch zulassen,
die bei einem anderen schon schwere Schuldgefühle,
Selbstvorwürfe und Angstzustände erzeugen.
Wir unterliegen zwar alle ähnlichen Werten, Normen und anderen
sozialen Einflüssen und Zwängen, aber während der eine
auf Grund seiner Persönlichkeit und Entwicklung nicht an den
Buchstaben der Verhaltensregeln und Erwartungen klebt, sondern
souverän damit umgeht, kann der andere sich nicht die kleinste
Abweichung davon erlauben, ist vielleicht sogar noch strenger mit sich
selbst, als die Gesellschaft verlangt.
Das Traumgewissen hat also vor allem die Aufgabe, die Traumarbeit so zu
steuern, dass Bedürfnisse, Wünsche und andere Trauminhalte in
eine Form gebracht werden, die man individuell zulassen kann. Bei der
Traumanalyse lassen sich auch diese Funktionen der Zensur des
Unbewussten aufdecken und deuten, wobei man wichtige Einblicke in die
Persönlichkeit, ihre Probleme und Konflikte gewinnt.
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